Rückblick und Ankunft

Nachdem ich nun schon seit einigen Tagen wieder in Deutschland bin, möchte ich mich für dieses lehrreiche, aufregende, herausfordernde und spaßige Jahr bei allen Personen bedanken, die das möglich gemacht oder mich dabei unterstützt haben.

Mit den wenigen Erwartungen, die ich vorher hatte, hatte ich zwar gar nicht so viel Vorfreude, wurde aber auch positiv überrascht.

Ich war begeistert von meinem Projekt, das zu 100% mit meinen Überzeugungen übereinstimmt und wo ich wirklich merkte, dass ich einen großen Einfluss habe, viel bewirken und mindestens genau so viel lernen kann. Die Kinder, mit denen ich arbeitete sind mir richtig ans Herz gewachsen und es war großartig, ihre Erzieherin, Freundin und Umarmungspartnerin zu sein. Besonders die letzten Tage und die ganzen Abschiede von den Kindern, Mitarbeitern und Freunden waren emotional und wunderschön.

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Unser Mitarbeiter-Team (Direktorin, Erzieherin, Sozialarbeiterin, Rebecca, zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, Psychologin, Erzieherin, Sarah und ich)
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Mit den Kindern von SALEM

Mindo, mein Wohnort, war super idyllisch und ich vermisse jetzt schon die riesigen, mit Urwald bewachsenen Berge. Es war etwas ganz besonderes in einem so unberührten, aber gleichzeitig aufregenden Urlaubsort zu wohnen. Denn durch den Öko-Tourismus, für den Mindo bekannt ist, war es ein wenig anders als der Rest von Ecuador.

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Unseren letzter Sonntag in Mindo verbrachten wir am Fluss.

Von Ecuador wusste ich vorher sehr wenig. Das Land interessierte mich, weil man dort Spanisch spricht, weil es von der Kolonialisierung betroffen war und wegen der ganz anderen, von den indigenen Völkern beeinflussten Kultur. Ich wusste gar nicht, was es alles an Naturschönheiten zu bieten hat. Von den Ecuadorianern selbst habe ich auch ein sehr positives Bild, da sie stets freundlich, gelassen, lebensfroh und hilfsbereit waren.

Auch meine Projektpartnerinnen, Sarah und Rebecca, zählten schon nach wenigen Monaten zu meinen besten Freunden und ich weiß, dass diese Freundschaft noch lange halten wird, da uns so viel verbindet. Darüber, wie viel es bedeutet, ständig zusammenzuwohnen, habe ich mir vorher ebenso wenige Gedanken gemacht, weiß nun aber, dass ich ein riesen Glück mit meinen Mitbewohnerinnen hatte. Von den beiden unabhängig bin ich ich sehr dankbar für die anderen Freiwilligen und ecuadorianischen Bekanntschaften, die zu Freunden wurden.

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Rebecca („Rebe“), ich und Sarah
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Wir drei mit Freundinnen aus Quito und zwei weiteren deutschen Freiwilligen. 

Und abgesehen von meiner Arbeit und meinem Alltag bin ich in diesem Jahr so viel gereist, wie noch nie; habe ständig neue Erfahrungen gemacht, interessante Menschen kennengelernt und wunderschöne Orte bestaunt.

Allerdings gab es auf der anderen Seite sehr schwierige Phasen zu bewältigen. Meine fast ständigen gesundheitlichen Probleme waren die größte Herausforderung und ich dachte sogar zwei mal über einen Abbruch nach, da mich das wirklich belastete.  Abgesehen davon gab es ab und zu mal interkulturelle Missverständnisse, Stress auf der Arbeit und ich vermisste auch meine Freunde und Familie von zu Hause. Besonders in Situationen, in denen ich auf mich alleine gestellt war, merkte ich dies. All diese Probleme und Schwierigkeiten brachten mir aber die größten Lektionen und Erkenntnisse. Innerlich hat sich nämlich ganz viel bei mir verändert: Ich bin gelassener, selbständiger, noch offener und habe eine bessere Selbst- und Menschenkenntnis.

Am ersten Tag in Deutschland sind mir direkt einige Dinge aufgefallen: Schon im Flugzeug saß ich neben einem Deutschen, der mich durch seine nervöse, unfreundliche Art gleich wieder an diese typisch deutschen Eigenschaften erinnerte. Am Düsseldorfer Flughafen machte Rebecca mich auf die Stille aufmerksam. Diese war tatsächlich auffällig, denn in Ecuador hört man immer irgendwo jemanden reden, lachen oder Musik spielen. Was mir aber immer noch besonders auffällt ist der Reichtum: Alle Häuser kommen mir riesig vor und auch die Straßen wirken so perfekt. Im Supermarkt gibt es eine unglaublich riesige Auswahl an importierten Produkten aller Art und man weiß gar nicht, für welche Mehlsorte man sich entscheiden soll. Als ich dann in unser Haus und mein Zimmer kam und meinen Kleiderschrank öffnete, fühlte ich mich wie eine Prinzessin in einem Schloss. Dieser ganze Luxus ist einerseits nicht nötig, um glücklich zu sein, ich genieße ihn aber trotzdem nach einem Jahr „Entzug“. Auch die Sauberkeit und besonders das saubere Wasser ist wirklich angenehm, da ich nicht mehr Angst haben muss, z.B. beim Duschen Wasser zu schlucken und krank zu werden.

 

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Glücklich vereint mit meiner Familie.

Am meisten freue ich mich jetzt aber, Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen, die Urlaubszeit zu genießen und dann im Oktober mit meinem Psychologie-Studium in München anzufangen.

 

 

 

 

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Typisch ecuadorianisch

Mit elf Monaten Erfahrung kenne ich mich nun ziemlich gut mit der ecuadorianischen bzw. südamerikanischen Kultur aus. Um euch einen  Einblick in meine Eindrücke zu geben, liste ich hier dreizehn typisch ecuadorianische Situationen auf:

  1. Straßenstände und Garküchen: Besonders in den großen Städten findet man an jeder Straßenecke die kleinen Wagen oder Tische, bei denen Ecuadorianer/innen frittiertes Huhn, gegrillte Bananen oder Eis zu Spottpreisen verkaufen.  Um jeden auf ihre Ware aufmerksam zu machen, schreien die Händler ungefähr im sekundentakt mit eindringlicher Stimme, was sie zu welchem Preis im Angebot haben. Allerdings sind die meisten Straßenessen als Gringo/a aufgrund der nicht vorhandenen Spülmöglichkeiten mit Vorsicht zu genießen.
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„1dollar1dollar1dollar1dollar“
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Das meist konsumierte Fleisch ist definitiv Pollo (Hühnchen).
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Ein Straßenstand in Mindo.
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Hier werden frische Kokosnüsse verkauft.

2. Jeden Tag das gleiche Wetter: Einen Wetterbericht habe ich im ganzen Jahr vielleicht zwei mal verwendet, und das unnötigerweise. Denn hier in Ecuador verlaufen die Tage wettertechnisch jeden Tag gleich ab. Oft findet man mehrere deutsche Jahreszeiten innerhalb von 24 Stunden wieder: Nebel und kühle 10 Grad morgens, pralle Sonne und 30 Grad mittags, nachmittags Regen und nachts eiskalter Wind. Das Wetter hängt aber total von der Zone ab. An der Küste und im Regenwald ist es generell sehr feucht mit Temperaturen von 20 bis 35 Grad. In den höchsten Andendörfern muss man mit Temperaturen um 0 Grad und trockener Luft rechnen.

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Von so…
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.. zu so kann sich das Wetter innerhalb von einer Stunde in Mindo ändern.

3. Betonklötze: Die meisten ecuadorianischen Häuser sind klein, eckig, aus Beton und oft mit nur einem Wellblechdach. Manchmal, so wie bei uns, gibt es nicht mal Fensterscheiben sondern einfach nur mit Moskitonetzen bespannte Löcher in den Wänden. Das können wir uns aufgrund der sicheren Umgebung und dem angenehmen Klima erlauben. Was ich zudem witzig finde ist, dass viele nur die Vorderseite ihrer Häuser in bunten Farben anmalen und die Seiten (wegen fehlendem Geld?) grau und unverputzt bleiben. Als Gegensatz dazu gibt es aber auch riesige Villen oder nette Bambushäuser, je nach Region.

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4. Busunterhaltung: Jedes mal wenn man in einen ecuadorianischen Bus einsteigt erwartet einen ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm und Einkaufsangebot, denn während der Fahrt steigen immer wieder Musiker oder Händler ein und aus, die etwa Empanadas, Kopfhörer, Kaugummi oder Kleiderbügel verkaufen. Außerdem laufen üblicherweise Actionfilme oder Salsamusik in den Reisebussen.

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Ein Stadtbus.

5. Familiäre Herzlichkeit: Egal wer und wo man ist, man wird in Ecuador willkommen geheißen und versorgt. Die fremde Verkäuferin nennt mich mi hija (meine Tochter) und der Busfahrer mi reina (meine Königin). Daran sieht man auch den hohen Wert, der hier auf Service gelegt wird. Die Menschen sind außerordentlich hilfsbereit und vertrauenswürdig.

6. Schamane statt Arzt: Da viele sich den Arztbesuch hier nicht leisten können wird auf traditionelle, natürliche Medizin gesetzt. Die uralten, von den Inkas oder Dschungelstämmen vermittelten Heilverfahren werden immer noch von der breiten Bevölkerung genutzt. Manche davon sind auch ganz klar wissenschaftlich anerkannt, andere eher alternativ oder spirituell.

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Hier wird auf einem Markt eine Frau mit einem Kräuterwedel von „bösen Geistern“ befreit.

7. Ein Bier für alle: Die Biertradition wird hier ganz anders ausgelebt. Ich war anfangs überrascht, dass hier doch ziemlich viel (und gutes) Bier getrunken wird. In einer Gruppe gibt es dabei aber ein ganz besonderes, meiner Meinung nach großartiges Verfahren: Es gibt eine oder mehrere große 1l-Flaschen und einen Becher, der immer wieder aufgefüllt und im Kreis herumgereicht wird. So hat das Ganze etwas noch geselligeres.

8. 1 Motorrad, 4 Personen: Ein eigenes Auto zu besitzen ist hier um einiges ungewöhnlicher und luxuriöser als in Deutschland, zumal die Preise durchschnittlich doppelt so hoch sind. Deshalb besitzen die meisten Familien ein Motorrad, das dann aber dennoch wie ein Familienwagen genutzt wird. Papa, Mama, Kind und Baby sitzen alle auf einem Gefährt und die Polizei sagt nichts.

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9. Kleinkinder als Babysitter: Kinder werden hier viel früher an die Erziehung noch jüngerer Kinder herangeführt. Wenn die Mutter mal nicht da ist, muss der 6-jährige Sohn auf die 3-jährige Tochter aufpassen. In diesem Momenten werden die eigentlich kindlichen, frechen Jungs oder Mädels dann zu verantwortungsbewussten, strengen Erziehern/innen.

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Kleines Kind passt auf noch kleineres Kind auf.

10. Philosophische Gespräche mit Taxifahrern: Mangels Arbeitsplätzen in höheren Positionen sind viele Taxifahrer in ihrem Beruf unterfordert. Die Mehrheit der Taxifahrer, die ich hier kennengelernt habe sind studiert und super gebildet. Deswegen kann man sich fast immer auf ein interessantes Gespräch mit Ihnen einstellen – ob über Politik, Philosophie, Geschichte oder Reisen.

11. Hausbau selbst gemacht: Nur die Reichen leisten sich hier Handwerker geschweige denn einen Architekten wenn es um den eigenen Hausbau geht. Die meisten entwerfen ihr Haus selbst und bauen es dann mit ein paar Freunden oder Verwandten innerhalb ein paar Monate auf. Hierbei geht Flexibilität über Perfektion und Funktionalität über Ästhetik.

12. Nationalstolz und Umzüge: Die Ecuadorianer sind wie alle Lateinamerikaner sehr stolz auf ihr Land und repräsentieren es gerne bei ihren militärartigen, prachtvollen Umzügen. Mit schicken Kostümen, tollen Tanzeinlagen und Musik als Begleitung sind diese immer ein Erlebnis.

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13. Bunte Märkte: Bei den Märkten erhält man nochmal einen intensiven Einblick in die Kultur. Es wird alles von bunten Früchten aller Art, (un)verarbeitetem Fleisch, Blumen und mehr oder weniger seriösen Naturheilmitteln angeboten.

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Fruchtvielfalt.

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Fragwürdige Medizin mit Hollywood-Schauspieler/innen als Werbemodels.
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Ecuador ist bekannt für seine Rosen, die aufgrund der äquatorialen Lage so gerade und hoch wachsen wie keine anderen.

Nun habt ihr, denke ich eine grobe Vorstellung von der ecuadorianischen Kultur und ihren Menschen. Die meisten Aspekte, die mir als Europäerin hier auffallen gelten für ganz Lateinamerika – so habe ich sie auch in Kuba und Peru wahrgenommen – aber manche sind auch ganz typisch für Ecuador. Vieles, was von von außen betrachtet ineffektiv oder unästhetisch wirkt, hat für mich mittlerweile seinen eigenen Charme und besonders die Entspanntheit und Herzlichkeit sind Teile der Kultur, die ich sehr wertschätze und in vielen Bereichen übernommen habe.

Dschungel-Magie mit Maya

Letzte Woche hatte ich Besuch von meiner besten Freundin Maya, die momentan auf einer 5-wöchigen Reise durch Südamerika unterwegs ist. Gemeinsam hakten wir mein letztes Must-See Ziel in Ecuador ab: den Amazonas Regenwald. Wir sind schon seit der zweiten Klasse beste Freunde und unter anderem deshalb war es gleichzeitig wunderschön und interessant, wieder so intensiv Zeit miteinander zu verbringen. Wir haben beide bemerkt, wie wir uns verändert haben, doch dies hatte nur positive Auswirkungen auf unsere Freundschaft, da wir uns weiterhin unterstützen und sogar inspirieren. Nun aber zu unseren Erlebnissen!

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Maya.

Die ersten drei Tage verbrachten wir in Mindo, da ich arbeiten musste. Es war super aufregend, Maya mit meinem Umfeld und Alltag hier bekannt zu machen und ihr meine liebsten Menschen und Plätze zu zeigen. Tagsüber nutzte sie auf eigener Faust das vielfältige Touristenangebot in Mindo und abends unternahmen wir etwas mit Rebecca, Sarah. Zum Glück verstanden sich die drei auch einwandfrei und es fühlte sich ganz vertraut an.

Am Mittwochabend machten wir uns dann auf nach Quito, wo wir nachts von einem Privatbus abgeholt und in den Regenwald gefahren wurden. Erst um halb 11 Uhr morgens kamen wir an und fuhren mit einem motorbetriebenen Kanu und unserer Gruppe von Mitreisenden, die uns die nächsten zwei Tage begleiten sollten noch zwei weitere Stunden in den wirklich tiefen Urwald. Diese neun Mitreisenden stellten sich ausnahmslos als super sympathisch und interessant heraus – darunter Österreicher, Kanadier, Briten, Südafrikaner und US-Amerikaner.

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Die typischen Kanus werden von Einwohnern der Urwaldstämme gefahren.

Zudem sahen wir schon zahlreiche besondere Tiere auf dieser ersten Erkundungstour: Kapuzineräffchen, eine Anakonda, Faultiere sowie Schmetterlinge und Vögel in allen Farben. Besonders die Vögel beeindruckten mich, da sie mich durch ihre glänzenden dunklen Federn und ihre Größe an anmutige Phönixe erinnerten. Man kann sie sich ungefähr so wie bei Harry Potter vorstellen; sie haben also etwas ganz magisches.

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Ein Kapuzineräffchen.

Angekommen in der Lodge, wurden wir mit einem frischen Guayaba-Saft und einem hervorragenden 3-Gänge-Menü begrüßt. Die Lodge bestand aus mehreren Tropenholzhütten mit Strohdächern, die durch erhöhte Stege verbunden sind, um nächtliche Schlangenbisse zu vermeiden. Dschungel-Tours sind generell auf einem höheren Preis- und Luxusniveau als die sonstigen Reisen, die sich Freiwillige so leisten, aber ohne eine geführte Tour ist man als Unerfahrener im Regenwald eben sehr verloren.

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Unsere Lodge

Abends fuhren wir mit dem Kanu noch einmal raus um Delfine und Krokodile zu beobachten und in einer Lagune (angeblich ohne Krokodile) bei Sonnenuntergang schwimmen zu gehen. Die Stimmung war hierbei eine ganz besondere, die ich während unseres Trips mehrmals erlebte und die mich jedes Mal wieder faszinierte. Die Geräusche und gleichzeitige Ruhe, die intensiven Farben und seltenen Tiere und die Ursprünglichkeit des Dschungels haben etwas derart entspannendes und bringen einen zum Nachdenken. Zusätzlich hatten wir keinen Internetempfang, was den Zustand, vom Rest der Welt abgeschottet zu sein, noch verstärkte.

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Eine willkommene Erfrischung bei dem sehr heißen, feuchten Klima.
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Dschungelromantik.

Am nächsten Morgen machten wir Yoga auf der Terrasse mit traumhaftem Ausblick in der Morgensonne. Nach dem Frühstück fuhren wir in eine indigene Gemeinde, um dort ein traditionelles Brot aus Maniok, einer kartoffelähnlichen Wurzel, zu backen. Den Prozess erklärte uns eine Dorfbewohnerin auf ihrer Stammessprache und auf Spanisch und dann halfen alle mit.

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Das Maniokbrot ist geschmacklich mit Pitabrot zu vergleichen.

In dieser Gemeinschaft gab es ca. 15 Häuser, eine Schule und keinen Strom. Die älteren Menschen trugen teilweise traditionelle Kleidung. Die jungen hingegen tragen Nike Sneakers und Baseballcaps, sprechen teilweise fließend Englisch und arbeiten in der Stadt.

Dann sprachen wir mit einem Schamanen. Dies war mein persönliches Highlight: Er erzählte uns von seiner Lebensgeschichte, wie er Schamane geworden ist und zeigte uns verschiedene Heilpflanzen, z.B. gegen Schlangenbisse, Krankheiten oder psychische Probleme. Die für die Amazonasstämme berühmte Ayahuasca-Zeremonie beschrieb er genauer, erzählte uns, wie die psychedelische Droge wirkt und welche tiefgehenden Wirkungen sie hat. Man kann mit Ayahuasca z.B. seine größten Ängste bewältigen und tiefe Erkenntnisse erlangen, aber im schlimmsten Fall auch psychische Störungen entwickeln, weshalb man dafür in einer psychisch sehr stabilen Lage sein muss. Der 70-Jahre-alte Schamane wirkte extrem weise und ich fühlte mich ihm irgendwie verbunden, stellte viele Fragen und merkte, das auch er mich mochte, als er mich bat, ihm meine Handynummer mit Kohle auf ein Holzbrett zu schreiben.

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Er redete stets leise und langsam und trug sein traditionelles Gewand. Die Krone besteht aus Federn von mehreren Tukanen und Papageien, die er selbst erschossenen hatte. Auch eine der Ketten besteht aus den Zähnen eines selbsterlegten Pumas. Außerdem hatte er einen Kräuterwedel, den er zur Seelenreinigung verwendet. Natürlich kann das ganze albern, unheimlich oder geschauspielert wirken, aber ohne zu wissen, warum, hatte ich das Gefühl, dass es das nicht war. Man muss natürlich auch offen für solch eine andere Welt sein.

Nachdem die Sonne untergegangen war, machten wir uns auf zu einem nächtlichen Waldspaziergang, bei dem wir Taranteln und andere riesige Spinnen, insgesamt aber weniger Tiere als erwartet, sahen. Diese Erfahrung war gar nicht so gruselig, wie Maya und ich vorher dachten. Wir hielten sogar eine Minute an, machten alle Lichter aus und schwiegen, um die lauten Tiergeräusche und absolute Dunkelheit auf uns wirken zu lassen. Auf dem Rückweg freuten wir uns über den klaren Sternenhimmel über dem Fluss und wurden vor Glück und Dankbarkeit ganz emotional. In der Lodge redeten wir noch lange – erst mit den anderen Gästen und zuletzt nur wir zwei. Wir können über ganz tiefgründige Themen reden, haben aber auch den genau gleichen Sinn für Humor und lachten deshalb sehr viel.

Nach der morgendlichen Vogelbeobachtung am nächsten Tag mussten wir leider schon wieder abreisen.

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Rückreise auf dem Kanu.

Wir kamen erst spät nachts in Quito an, da die Fahrt noch viel länger gedauert hat, als gedacht. Man kann sich also vorstellen, wie fertig wir waren. Umso besser, dass wir unseren letzten gemeinsamen Tag in Quito mit einem Stadtbummel nach dem ausgiebigen Frühstück im Hostel entspannt angingen.

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Unser sonniger Frühstücksplatz.
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In diesem Schokoladengeschäft aßen wir Schokoeis und probierten die typischen Panamahüte, die ironischerweise aus Ecuador stammen.

Beim Abschied waren wir einerseits traurig, aber auch voller Dankbarkeit und Vorfreude auf unser baldiges Wiedersehen.

 

 

 

Inti Raymi – Sonnenfest der Inkas

Am 21. Juni wurde im gesamten andinischen Raum Inti Raymi (Inti = Sonne/ Sonnenkönig, Raymi = Fest), das Sonnenfest der Inkas gefeiert. In Peru konnten meine Mutter und ich beobachten wie sich alle Kinder bereits zwei Wochen vorher tänzerisch auf den großen Festtag vorbereiteten und auch hier in Ecuador hat das Fest einen immer höheren Stellenwert, da die indigene Kultur (häufig mehr von Zugezogenen, als von gebürtigen Ecuadorianern) immer mehr wiederentdeckt wird. In der Schule gab es Tanzvorführungen und kleine Theaterstücke und auch in SALEM, meinem Projekt, feierten wir Inti Raymi. Es war ein super buntes, interessantes Erlebnis.

Zuerst bereitete wir in 4 Kleingruppen die Zeremonie vor, indem wir verschiedene Opfergaben suchten, z.B. Zweige, Getreide, Steine und Früchte. Außerdem stellte jede Gruppe ein Element dar. Wir schminkten die Kinder und uns selbst also wie Erde, Wasser, Feuer oder Luft.

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Im Gegensatz zu den Jugendlichen, die sich dafür zu cool waren, schminkten Rebecca, Sarah und ich uns wie Wasser, Luft und Feuer und zogen uns farblich passend an.

 

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Die Kleinen waren dafür umso begeisterter vom Kinderschminken. 

Dann wurden die Opfergaben in Form eines Kreuzes auf dem Boden verteilt. In der Mitte gab es ein Lagerfeuer, das die Sonne darstellen sollte. Nun bedankten wir uns bei der Sonne, dem Wasser, der Erde und der Luft für die reiche Ernte und sangen anschließend ein traditionelles Lied, zu dem wir ums Feuer tanzten. Dabei spielte ein Junge den Diablo Huma (Teufelskopf), der die Ablehnung der Christianisierung darstellen soll. Obwohl die meisten Ecuadorianer heutzutage Katholiken sind, ist der Diablo Huma positiv konnotiert, da er die Menschen der Legende nach mit Energie und Kraft beschenkt hat. Ich fand die Maske um ehrlich zu sein dennoch ein wenig gruselig…

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Das Musik-Kommittee: Der Gitarrenlehrer trägt eine Krone wie die des Inkakönigs Inti. 
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Diablo Huma mit seinem Stock, den er ständig umherschwingt während er um die Menschen tanzt. 

Zuletzt durfte jedes Kind eine der Opfergaben (z.B. ein Maiskorn) auf dem Rahmen eines Spiegels festkleben, den eine Mitarbeiterin im Rahmen eines Recyclingprojekts herstellte.

Wir Erwachsenen nahmen später noch an einem traditionellen Tanz teil, bei dem ein großer Stock in der Mitte steht, an dem oben viele bunte Fäden angebracht sind, von denen jeder einen in die Hand nimmt. Nun flechtet man zusammen ein Muster mit den Fäden hinunter entlang des Stocks, in dem man auf eine bestimmte Art und Weise umeinander im Kreis läuft.

Inti Raymi und seine Bedeutung gab mir nochmal einen tieferen Eindruck in die heutige andinische Kultur und die der Inkas.

Mutter-Tochterurlaub: 10 Reiseziele in 14 Tagen

Gerade erlebte ich eine abwechslungsreiche, emotionale, wunderschöne Zeit mit meiner Mutter, die mich für zwei Wochen besuchen kam.

Schon viele Wochen, gar Monate, habe ich mich auf den Besuch von der mir am nächsten stehenden Person der Welt gefreut und als dann der Tag ihrer Ankunft gekommen ist war ich ganz aufgeregt und nervös. Nach einer emotionalen Begrüßung am Flughafen in Quito fuhren wir in die Stadt zu unserem Hotel, um dann unser erstes gemeinsames Abendessen seit fast 10 Monaten zu verbringen.

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Glücklich vereint.

Mama hatte zunächst einen kleinen Kulturschock, da sie sich Quito als Hauptstadt anscheinend doch reicher und weiter entwickelt vorgestellt hat. Abgesehen von der Aldtstadt sind die meisten Häuser eben doch aus Beton, teilweise mit Wellblechdächern und man sieht viele arme Menschen auf der Straße.

Den nächsten Tag verbrachten wir in Quito: Wir frühstückten ausgiebig, gingen zur Sonntagsmesse in die große Basilica, stöberten durch Schokoladenläden, fuhren auf einen Berg mit Panorama auf die im Tal liegende Stadt, tranken Café bei einer Bekannten auf dem Hauplatz und verbachten den Nachmittag auf einer Techno-Party im Garten eines Hostels. Dort gefiel es Mama richtig gut, denn sie tanzte ausgelassen mit den durchschnittlich 30 Jahre jüngeren, alternativen Gästen. 

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Feiertagsumzug
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Ausblick auf Quito.
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DJ im Hostel.

Am Montag ging es dann für zwei Tage nach Mindo, also in mein Zuhause. Schon lange habe ich mir vorgestellt, wie es sein wird, wenn meine Mutter kommt und mich bei ganz alltäglichen Aktionen, wie Einkaufen, durch das Dorf spazieren oder der Arbeit im Projekt begleitet und in der Realität hat es sich dann auch ganz schön verrückt angefühlt. Sie lernte meine Mitarbeiter, Freunde und vor allem meine zwei Mitfreiwilligen Rebecca „Rebe“ und Sarah kennen, die sie, genau wie ich, sehr gut leiden kann. Wir besuchten das Schmetterlingshaus und wanderten am nächsten Tag nach einer morgendlichen Vogeltour mit professionellem Guide (mein persönliches Mindo-Highlight) zu den Wasserfällen. Abends wurden wir von einem guten Freund auf eine Klangmeditation eingeladen und gingen mit ihm und den Mädels essen. 

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Morgenstunden im Nebelwald.
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Bird-watching.
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Regnerisches Mindo.

Dann mussten wir wieder nach Quito, da ich leider schon wieder aus gesundheitlichen Gründen einige Untersuchungen machen musste, bei denen ich froh war, dass ich dies ausnahmsweise nicht alleine tun musste. Zum Glück sind die Ergebnisse entgegen meiner Ängste sehr erfreulich, wodurch ich den Rest des Urlaubs viel entspannter genießen konnte.

Abends nahmen wir am Salsa-Unterricht im Hostel teil, was super Spaß gemacht hat. Das Hostel war generell großartig, da es wunderschön und durchdacht eingerichtet ist, trotz zentraler Stadtlage einen ruhigen Garten und ganz viele Angebote, wie Tagestours, Yogastunden oder auch Live-Musik hat, wovon wir so viel wie möglich nutzten. Wir nahmen zum Beispiel auch bei einer Wandertour auf den Vulkan Cotopaxi teil, zu der ich stolz sagen kann, dass ich es bis zur Gletschergrenze auf 5000m (aufgrund der äquatorialen Lage liegt die hier so hoch) geschafft habe. Runter fuhren wir mit Mountainbikes – ein sehr aktiver Tag, bei dem wir zudem viele nette Leute aus unserer Tourgruppe kennenlernten. 

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Bei der Gletschergrenze angekommen.
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Mama und unser humorvoller Guide. Im Hintergrund die rote Vulkanspitze.
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Malerische Landschaft mit wilden Pferden am Fuß des Cotopaxi.

Außerdem fuhren wir einen Tag nach Otavalo, eine andinische Stadt mit extrem hohem Indigenenanteil. Hier war meine Mutter sehr begeistert von den anmutigen Indigenen in ihren traditionellen Gewändern und der vergleichsweise reich wirkenden Innenstadt. Wir schlenderten über den Markt, auf dem Handarbeit, Schmuck und angebliche Alpacawollware (in Wirklichkeit Billigproduktion aus China, aber trotzdem schön) verkauft wird. Dann setzten wir uns in ein nettes Café mit noch netteren Baristas. 

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Auf dem berühmten Markt von Otavalo.
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Eine indigene Mutter mit Baby. Im Hintergrund eine katholische Nonne bei einem Umzug zu Ehren Marias.

Dann ging es endlich an den Strand, doch bevor wir uns diese entspannten Urlaubstage verdient hatten, mussten wir eine eintägige Reise mit Bus und Taxi hinter uns bringen, die meine Mutter noch wesentlich mehr gestresst hat, als mich. Mir ist, wie mit Marie auf Kuba, aufgefallen, dass mir vermeintlich stressige Situationen gar nicht so erscheinen und mich generell wenig aus der Ruhe und weg vom positiven Denken bringt. Dadurch kann ich das Positive hier noch viel mehr genießen und auch für den rest meines Lebens erscheint mir diese Angewohnheit sehr wertvoll.

Angekommen in unserem traumhaften Hotel war dann aber eh alles egal: Wir wohnten in einem gemütlichen Bambushäuschen mit zwei Hängematten auf der Veranda, botanischem Garten um uns herum und Strand in 200m Entfernung. Am nächsten Morgen brunchten wir auf der Terrasse mit Strandblick und machten uns dann auf zu einer Strandwanderung im Nationalpark nebenan.

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Mama war begeistert vom ecuadorianischen Frühstück, da es typischerweise einfach, aber gesund und frisch ist.
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Pelikane auf der Fischjagd.
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Verschwitzt an einem der wunderschönen Aussichtspunkte angekommen.
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Krabben am Strand im Nationalpark.

Abends aßen wir in einer billigen Strandbar super guten, frisch gefangenen Fisch. Um Durchfall zu verhindern trank Mama vor jeder Mahlzeit einen Shot, ob Whiskey, Anisschnaps oder Kräutergeist. Diese Methode wirkte super gut, denn die ganze Zeit über hatte sie kein einziges Problem mit dem Essen. 

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Unsere Stammhütte zum Abendessen.

Einer der schönsten Tage war der nächste: Hier nahmen wir an einer geführten Bootstour auf die naturgeschützte Insel Isla de la Plata teil. Genau das gleiche hatte ich schon im Dezember mit Rebe gemacht, aber dieses mal war der eindeutig bessere Zeitpunkt dafür: Wir schwammen beim Schnorcheln mit Schildkröten und Fischen in allen Farben und Formen), es gab mehr Vogelarten (großteils solche, die es ansonsten nur auf den Galapagosinseln gibt) und als Krönung hatten wir sogar richtig Glück beim Whalewatching, denn wir sahen 6 Buckelwale gleichzeitig! Das Bild, wie ihre riesigen Flossen aus dem Wasser ragen und dann wieder abtauchen, war wirklich beeindruckend und etwas ganz besonderes. 

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Whale-watching.
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Blaufußtölpl mit blauem Ei.

Abends gönnten wir uns noch eine Massage auf dem Zimmer bevor wir uns am nächsten Tag auf die lange Reise nach Peru machten.

Zwischenstopp war Guayaquil, die eigentlich absolut hässliche, riesige Hafenstadt Ecuadors, die dennoch einen sehr kuriosen und sehenswerten Teil besitzt: Einen Park mitten in der Stadt, in dem bis zu 1m lange Leguane ganz entspannt auf den Bäumen, Wiesen, Bänken oder Schuhen der Passanten sitzen. Diese Urzeittiere zwischen den ganzen Hochhäusern zu sehen war unglaublich komisch und brachte uns zum Staunen und Lachen.

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Die strickende Oma beobachtet den unbekümmerten Leguan.

Von Guayaquil aus flogen wir nach Lima, wo wir während der langen Umsteigezeit eine Nachttour mit einem Taxifahrer machten und uns von den schönen Bauten und Plätzen im abendlichen Flair verzaubern ließen.

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Nachtansicht aus Lima. Diese Art von Balkon ist typisch für die peruanischen Altstädte.

Morgens landeten wir dann in Cuzco, einer noch viel schöneren Stadt. Ich konnte gar nicht glauben, wie viele es von den von mir so geliebten kleinen Concept Stores und Cafés gab, die alle super stilvoll und durchdacht eingerichtet sind und meistens nachhaltige, hochwertige Produkte anbieten. 

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Beispiel eines Concept Cafés.

Wir verbrachten den ersten Tag ganz in Cuzco, spazierten durch die weißblauen Gassen, die mich an Griechenland erinnerten und beobachteten die Schulkinder, die auf dem Hauptplatz traditionelle Tänze und Gesänge auf Quechua (Sprache der Inkas) präsentierten.

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Ich verliebte mich direkt in die kleinen Gassen des Altstadtviertels „San Blas“ (Heiliger Blasius).
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Einige indigene Frauen laufen mit Baby-Alpacas durch die Stadt und erhoffen sich etwas Kleingeld für ein Foto mit dem typischen Motiv. Links eine Inka-Mauer, rechts eine spanische.
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Der Hauptplatz „Plaza de Armas“ mit Inkakönig-Statue. Die Regenbogenfahnen stehen nicht für Gay Pride, sondern für die Stadt Cuzco.
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Die tanzenden Jugendlichen wirkten ausnahmslos energiegeladen und begeistert von dem, was sie tun.

Außerdem besuchten wir eine indigene Gemeinschaft, wo uns ein 90 Jahre alter, weiser Mann einige Traditionen der Inkas zeigte und erklärte. Wir baten zusammen den Sonnengott Inti auf Quechua (Sprache der Inkas) um Gesundheit und Wohlstand und wurden mit wohlriechenden Kräutern von bösen Geistern befreit. Außerdem probierten wir ein Wunderheilmittel: Anisschnaps. Auch wenn die ganze Aktion recht inszeniert wirkte, war es echt interessant die Bräuche und Sprache kennenzulernen. 

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Seelenreinigung mit heiligen Kräutern.

Sehr positiv ist mir wieder das parallele Existieren zweier Kulturen und Religionen aufgefallen: Die Inka-Statue auf dem Hauptplatz winkt der Jesus-Statue auf einem Berg am Rande der Stadt zu. Genau so sind auch viele Indigene katholisch und glauben gleichzeitig aber an Teile ihrer ursprünglichen Religion, ohne das dies einen Konflikt darstellt. Dazu muss man aber sagen, dass sie natürlich ursprünglich von den Spaniern zum Katholizismus gezwungen wurden und auch heute noch viel Ungleichheit besteht. So sind alle Kirchen der Stadt auch auf eigentlichen Inka-Tempeln gebaut. 

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Rechts unten sieht man einen Teil des Inkatempels, auf dem diese Kirche erbaut wurde. Die Bauten der Inkas sind für ihre extreme, erdbebensichere Stabilität bekannt, die trotz Zusammenbrechen der spanischen Häuser darüber seit mehr als 600 Jahren bestehen.

Am Tag darauf kam es schließlich zum eigentlichen Höhepunkt unserer Reise: Machu Picchu. Wir übernachteten in Aguas Calientes, ein kleines Touristendorf, von dem aus die Busse nach Machu Picchu fahren. Als wir dort um 7 Uhr morgens ankamen hatte ich sehr starke Kopfschmerzen und konnte es gar nicht zu 100% genießen. Trotzdem nahm ich war, wie unglaublich aufwendig diese Bauten sind, wie schön die Natur ist und hörte gespannt zu, wie die Guides den kleinen Touristengruppen (davon gab es überraschenderweise gar nicht so viele wie gedacht) interessante Fakten erzählten. Es war auf jeden Fall beeindruckend, aber den Preis meiner Meinung nach dennoch nicht wert. Wir bezahlten 220 Dollar pro Person nur für die Zugfahrt und den Eintritt, obendrauf kommt noch die Übernachtung in Aguas Calientes. Dafür könnte man im Rest von Südamerika definitiv mehr sehen, zum Beispiel andere Inkastädte.

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Das typische Panorama auf die Inkastätte mit den unendlich vielen Terrassen, die zur Landwirtschaft genutzt wurden.
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Das heilige Urubamba-Tal.

Die Rückfahrt mit dem Panoramazug gilt als eine der schönsten der Welt und war aber ein absoluter Höhepunkt: Es gibt Fenster an allen Seiten und sogar im Dach, damit man die riesig hohe Berge betrachten kann, durch die die Bahngleise an der Seite eines Flusses hindurchfährt. Zudem gab es für alle Passagiere einen typisch peruanischen Kuchen aus Süßkartoffel, der uns, obwohl sich das total unpassend anhört, echt gut schmeckte. Zur Unterhaltung lief stilvolle, andinische Musik und das Bahnpersonal legte sich bei einer Vorführung traditioneller Tänze mit Verkleidungen sowie einer Modenschau mit Designerstücken aus Alpacawolle richtig ins Zeug. 

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Allein dank der Aussicht in alle Richtungen kann einem auf dieser Zugfahrt gar nicht langweilig werden.
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Unterhaltungsprogramm im Zug.

Den letzten gemeinsamen Tag verbrachten wir entspannt nochmal in Cuzco. Gegen Abend wurde ich richtig traurig, weil ich realisierte, dass ich nun wieder zwei Monate so weit weg von meiner Mutter sein würde und am nächsten Morgen wäre ich am liebsten mit ihr nach Deutschland geflogen. Nach so viel Selbstständigkeit, neuen Impulsen, Erfahrungen und Bekanntschaften, die ich in den vergangen Monaten gewann, genoss ich es trotzdem sehr, wieder ein Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Zuhause zu haben und konnte mir danach erstmal gar nicht mehr vorstellen wieder ohne all das zu leben. Nun, nach ein paar Tagen mit Sarah und Rebecca im Projekt ist aber alles wieder in gut. Ich gewöhnte mich schnell wieder an mein unabhängiges, aufregendes Leben hier und freue mich auf das, was mich noch erwartet.

Kuba: Karibik, Kultur und Kommunismus

Nach den Ferienspielen mit den Kindern hieß es für alle SALEM-Mitarbeiter erst einmal Urlaub! Sarah und Rebecca flogen nach Peru, unter anderem um Machu Picchu zu besichtigen. Ich entschied mich für Kuba, wo ich mich mit meiner Cousine Marie aus Deutschland traf.

Schon am Flughafen von Quito hatte ich meinen ersten kleinen Kulturschock: Flughafen haben diese Eigenschaft, dass sie, egal wo auf der Welt, irgendwie gleich sind: vergleichsweise wohlhabende Menschen, Sprachgewirr aus unterschiedlichen Ländern und Duty Free Shops. Es ist, als würde man, schon wenn man einen Flughafen betritt, das Land, in dem man sich befindet, verlassen und ein internationales Gebiet betreten.

Als ich im dann im Flugzeug saß und dank meines Fensterplatzes die Karibik von oben bestaunen konnte, bekam ich bei diesem beinahe surreal schönen Anblick eine Gänsehaut und ein extremes Glücksgefühl, sodass ich bestimmt eine Viertelstunde wie blöd vor mich hinlächelte und mich zusammenreißen musste, nicht vor Freude aufzuschreien…

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Blick von meinem Sitzplatz auf karibische Inseln.

In Kuba angekommen merkte ich schon am Flughafen, dass es irgendwie anders, kommunistischer, ist, da alle Angestellten monotone, olive Uniformen trugen. Voller Vorfreude wartete ich aber auf meine Cousine und nach einer herzlichen Begrüßung ließen wir uns für viel zu viel Geld mit einem der berühmten Oldtimer-Taxis ins Stadtzentrum von Havanna, zu unserem Casa Particular fahren. Casas Particulares sind die üblichste Form von Touristenunterkünften auf Kuba. Es handelt sich um Wohnungen von Kubanern mit einem oder mehreren freien Zimmern. Ich bin wirklich froh, dass wir uns immer für diese Wohnart entschieden, da die Gastgeber ausnahmslos gastfreundlich und hilfsbereit waren. Sie gaben uns ohne Aufforderung Tipps rund um Sachen Aktivitäten, Essen, Transport, Kultur und Preise und boten uns, wo sie konnten, ihre Hilfe und Unterstützung an. Insgesamt nahm ich die Kubaner sehr hilfsbereit, lebensfroh und zufrieden wahr. Was uns allerdings sehr negativ auffiel war der Machismus. In Havanna wurden wir ungelogen im 5-Minuten-Takt angepfiffen, angeredet oder sogar angefasst. So schlimm ist es in Ecuador lang nicht und ich war, obwohl ich weit mehr daran gewöhnt und entspannter als Marie war, manchmal wirklich genervt.

Nun zu Havanna an sich: Die Stadt ist mittlerweile über 500 Jahre alt und es wurde seit der Gründung nicht viel in der Altstadt verändert, was definitiv ihren Charme ausmacht. Alte, meist schon sehr heruntergekommene Häuser im Kolonialstil, bunte Oldtimer überall (nicht nur als Touristentraktion sondern tatsächlich als übliche Autos) und zigarrenrauchende Senioren. Man hört schon vormittags immer aus irgendeiner Ecke eine Salsa-Gruppe und sieht die Kubaner mit fröhlichen Gesichtern tanzen. Arbeitende Menschen sieht man dafür umso weniger, erst recht keine Businessleute im Anzug.

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Typisch Havanna.
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Salsa Cubana.

Das Capitolio, das dem Capitol in den USA nachempfunden wurde ist ein riesiges, beeindruckendes Gebäude, das im Stadtzentrum steht und von großen Luxushotels umringt ist.

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El Capitolio.

Es geht aber auch deutlich anders: Vor allem außerhalb des historischen Zentrums gibt es viele hässliche, graue Betonklötze, die einen stark kommunistischen Charakter haben. Unabhängig davon hab ich diesen an mehreren Stellen bemerkt: Ich habe keinen einzigen Supermarkt entdeckt, vor einem Wasserladen ist stets eine Schlange von etwa 30 Leuten und WLAN ist auch ein ganz schwieriges Thema. Insgesamt sind viele Dinge, die für uns ganz selbstverständlich sind, für Kubaner Luxusgüter und schwer zu ergattern – ein Taxifahrer erzählte mir, dass man sogar, um an Essen zu kommen „Kontakte“ braucht. Für die Touristen hingegen ist im Überfluss gesorgt: Die Restaurants bieten Menüs aus aller Welt an, auch in den Luxushotels spürt man keinen Unterschied zu Europa und es gibt sogar eine Währung nur für Touristen und Luxusgüter.

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Vor allem auf Che Guevara sind die Kubaner stolz. (Wirklich jeder Kubaner, mit dem ich sprach, erwähnte ihn.)

Außerdem sind in der ganzen Stadt Kameras installiert, was irgendwie gruselig ist, einem auf der anderen Seite aber auch ein sicheres Gefühl gibt, da die Kriminalität dadurch wenigstens sehr gering ist.

Marie und ich schlenderten viel durch die Gassen der Altstadt, nahmen an einer Free Walking Tour mit interessanten Infos über die Stadt und ihre Bauten teil, gönnten uns eine Stadtrundfahrt in einem alten, pinken Chevrolet, fuhren mit der Fähre zu einem Teil der Stadt, der auf der anderen Seite der Meereinbuchtung liegt und genossen von dort aus mit Pizza und Bier bis spät abends den Blick auf die beleuchtete, sich im Wasser spiegelnde Stadt.

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Bei Sonnenuntergang am „Malecon“ (der Hafen).
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Interessante Gespräche, gute Musik, schönes Ambiente – so verbrachten wir die Abende.

Dann ging es zum Kontrastprogramm nach Viñales, in das Tal, das bemühmt für den Anbau von Tabak und die Herstellung von Rum ist. Es ist UNSECO-Welterbe und erinnerte mich an einen Indianerfilm: Weite grüne Tabakfelder von großen, roten Felsen umgeben, hier und da ein einsamer Cowboy mit Hut und Zigarre im Mund. Auch hier hatten wir einen extrem, fast überfürsorglichen Gastgeber, der uns mit Tipps und kleinen Geschenken nur überhäufte, sodass wir uns fragten, wie er überhaupt etwas an uns verdienen kann.

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Wir unternahmen einen geführten Ausritt durch das Tal, wobei wir den Tabakanbau, den Fermentierungsprozess, die Trocknung in den überall herumstehenden, duftenden Trockenhäusern und schließlich die Verarbeitung des Tabaks zu hochwertigen Zigarren betrachteten und erklärt bekamen. Danach folgte eine Rum-, Kaffee- und Honigverkostung – alles lokal angebaute und hergestellte Produkte. Abends rauchten wir auf der Dachterasse unserer Wohnung unter dem Sternenhimmel unsere frisch gekauften Zigarren und waren begeistert vom Aroma (ein Mix aus Tabak, Rum, Zitrone und Honig). Ansonsten gehörten zu unserem Abendprogramm üblicherweise 1, 2, 3 Mojitos oder Daiquiris – die sind auf Kuba nämlich günstig, stark und saugut.

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Tabaktrocknung.

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Daily happy hour.

Natürlich verbrachten wir auch einige Tage am Strand. Das klare, türkise Karibikmeer sowie das immer perfekte Urlaubswetter enttäuschten uns nicht. Wir vebrachten die Tage faulenzend und genießend. Sonnen im weißen Sand, lesen, Musik hören, ab und zu im Wasser abkühlen und eine frisch geerntete Kokosnuss schlürfen – viel entspannender geht’s nicht.

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Dieser Farbverlauf…
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Frisch von der Kokospalme.
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Könnte auch eine kitschige Tapete sein.

Einen einzigen Tag in Varadero, dem Touristenbadeort schlecht hin, gönnten wir uns im 5-Sterne-Hotel. Ein Day Pass kostet 50 CUC (ungefähr 50 €) und enthält Eintritt zum Poolbereich, Privatstrand und Fitnesstudio, Frühstück und Mittagessen sowie durchgehend geöffnetes Buffet und freie Cocktails, Unterhaltungsprogramm in Form von Salsa-Kurs und Wasser-Aerobic und vielen anderen kleinen Sahnehäubchen. Auffällig war, dass die Hotelgäste fast ausschließlich übergewichtige Kanadier waren. Ich hatte gar kein Bedürfnis und zugegebenermaßen sogar ein schlechtes Gewissen, so viel Geld für den ganzen Luxus auszugeben, was möglicherweise mit meinen Erfahrungen in Ecuador zusammenhängt. Als mir Marie aber erzählte, dass ihre Eltern mir den Aufenthalt zum Geburtstag schenken würden, konnte ich ihn noch richtig genießen und nutzte ihn so gut es ging aus; die Gelegenheit habe ich schließlich nicht wieder so schnell in Ecuador.

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Die typischen Hotelgäste vergnügen sich beim Tanzkurs am Strand.

Kuba ist in meinen Augen ein großartiges Reiseziel, das viel Abwechslung, Kultur, Schönheit und Entspannung bietet. Außerdem war es wunderschön, Marie, und somit ein kleines Stück Heimat nach so vielen Monaten wiederzuhaben und oft an Altes erinnert zu werden, was einige Gelegenheiten zur (Selbst-)reflexion bot.

Vier Wochen Ferienspiele

Gerade hat nach zwei Monaten Ferien wieder die Schulzeit begonnen. In dieser Zeit boten wir im Projekt vier Wochen Ferienspiele unterschiedlichster Art für die Kinder von Salem und zusätzlich auch einige weitere aus dem Dorf an.

Eine Woche gab es das Angebot verschiedener Workshops: Musik, Recycling, Tuchakrobatik, Basteln, Tanzen und Theater sowie Nähen.

Ich unterstützte den Musiklehrer in seinem Workshop, worüber ich im ersten Moment ein wenig enttäuscht war, da es ursprünglich auch einen Fotografie-Workshop gegeben hätte, den ich liebend gerne begleitet hätte, aber im Endeffekt war es besser als gedacht. Ich konnte den Kindern zwar außer Singen und Notenlesen nicht viel beibringen, lernte aber selbst (meistens sogar von den Workshop-Teilnehmern ) ein paar Akkorde auf der Gitarre und musste sie motivieren, weiter fleißig zu üben und laut mitzusingen. Dies war meist lustig, da der Musiklehrer hauptsächlich Kinderlieder mit albernen Texten ausgewählt hatte. Die Erziehungsmethoden dessen, hingegen, fand ich fragwürdig, da er den Kindern einredete, sie wären vom Teufel besessen, wenn eines von ihnen nicht gehorchte. Da wusste ich nicht ob ich laut loslachen, gar nichts tun oder etwas dagegen sagen sollte. Am Ende entschied ich mich für eine Kombination aus allen dreien. Als Musiklehrer machte er aber möglich, dass jeder sein Talent, ob Singen , Gitarre, Trommel oder Xylophon einbringen konnte und schließlich hatten wir ein nettes kleines Programm zusammengestellt. Am Ende der Woche wurden nämlich alle Ergebnisse der Workshops in Form von Aufführungen und Ausstellungen vorgestellt, wobei alle Gruppen glänzten.

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Vorführung am Freitag.

Die restlichen drei Wochen bestanden aus Ausflügen innerhalb des großen Touristenangebots von Mindo. Diese Wochen waren wirklich unglaublich spaßig, fast so spaßig, dass man es nicht mehr Arbeit nennen kann: Wir begleiteten die Kinder bei Aktivitäten, für die wir normalerweise viel Geld bezahlt hätten, umsonst.

Einerseits nahmen wir an verschiedenen Tours teil:

  • Die Schokoladentour, bei der man Anbau, Ernte, Fermentierung und Verarbeitung des Kakaos zu Schokolade beobachten und selbst mitmachen durfte – mit dem Sahnehäubchen einer eigenen Schokopraline zum Mitnehmen.
  • Der Kolibrigarten, in den wir uns eine Weile setzten um zu zeichnen.

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  • Die Vogelbeobachtung, zu der die Kinder morgens um 6 aufbrachen, um mit professionellen Guides die verschiedenen Vögel des Nebeldwalds zu beobachten und zu belauschen. (Hier war ich leider nicht dabei.)
  • Das Schmetterlingshaus, wo wir die Metamorphose und die wunderschönen ausgewachsenen Falter bewunderten, welche ein willkommenes Foto-Requisit für die Kinder darstellten.
  • Der Orchideengarten, durch den wir spazierten während uns die verschiedenen Arten erklärt wurden.

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Andererseits unternahmen wir viele Abenteuerausflüge. Das ganze Angebot an Sportarten wurde ausgenutzt: Canyoning, Ziplining und Tubing waren mit Abstand die beliebtesten Beschäftigungen der Kinder. Es handelt sich um das Abseilen entlang eines Wasserfalls, das Seilbahnfahren auf langen Strecken durch den Wald und um wilde Fahrten auf Gummireifen durch den Fluss. Zwar gab es immer ein paar Kinder, die vorher Angst hatten, aber hinterher waren alle begeistert, natürlich auch wir.

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Zudem gingen wir öfters baden. Entweder nach einer langen Wanderung im tiefen Wald als Abkühlung im Wasserfall oder ganz bequem im Pool einer der Hotels von Mindo.

Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass so viele Leute in Mindo den Kindern die Möglichkeit zu diesen tollen Erlebnissen geben, die sie aufgrund der Preise niemals mit ihrer Familie machen könnten, und ihnen so einen wirklichen Urlaub ermöglichen. Diese Kooperationsbereitschaft ist mir schon ganz oft hier in Ecuador aufgefallen: Wenn man jemanden kennt, bekommt man mit Sicherheit einen Rabatt. Die Leute sind sehr großzügig, auch wenn es ihnen finanziell gerade nicht hervorragend geht.

Zum Abschluss der Ferienspiele wurden nochmal alle Kinder und ihre Eltern eingeladen, um einen gemeinsamen Nachmittag mit Gruppenspielen, gemeinsamen Essen und einer Diashow zu verbringen.

Noch am gleichen Tag ging es für mich schon an den Flughafen, um meinen Urlaub in Kuba zu verbringen, aber davon erzähle ich im nächsten Blogeintrag…